AUS DER BOX

Um das deutsche Damen-Tischtennis steht es derzeit gut: Vier Spielerinnen fahren mit Medaillenchancen zur EM von Elke Schall
Wenn im Oktober die Individual-EM in Ljubljana stattfindet, stehen die Chancen gut, dass am Ende eine Deutsche Europameisterin wird. Sabine Winter geht als Nummer eins der Setzliste ins Turnier. Sie war in den vergangenen Wochen zwar von einer Verletzung am Rücken geplagt und hatte nicht die Verfassung, die sie in den Monaten zuvor noch hatte. Aber es ist noch ein bisschen Zeit bis zur EM – und Sabine ist eine Kämpferin, die immer alles versucht. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie bis zur EM wieder in Form kommt. Ying Han ist für fast jede Spielerin der Welt eine sehr unangenehme Gegnerin, wie sie jüngst erst wieder mit ihrem Sieg gegen Kuai Man auf der WTT-Tour bewiesen hat. Sie ist immer für einen Titel gut. Auch Nina Mittelham ist im Aufwärtstrend, was sie mit dem Titelgewinn beim WTT Feeder in Berlin gezeigt hat. Und mit Annett Kaufmann muss man sowieso immer rechnen. Sie spielt vor allem gegen große Namen frech auf und ist für jede Gegnerin gefährlich. Für alle vier ist eine Medaille und sogar der Titel drin. Aber natürlich ist die Konkurrenz mit erfahrenen Spielerinnen wie Bernadette Szocs und Titelverteidigerin Sofia Polcanova gut.
Insgesamt ist das deutsche Frauen-Tischtennis derzeit sicherlich das beste in Europa. Die Mannschaft ist dreimal in Folge Team-Europameister geworden und stand im olympischen Halbfinale. Mit Sabine Winter steht eine Spielerin in den Top 10 der Weltrangliste, mit Ying Han eine weitere in den Top 20. Nachdem in den vergangenen zwei Jahrzehnten die deutschen Herren deutlich erfolgreicher waren, in Europa, aber auch auf Weltebene, scheinen derzeit wieder die Damen die Nase vorn zu haben. In meiner Karriere war das ähnlich: In den 90er Jahren waren wir mit den Golden Girls, zu denen neben mir Nicole Struse, Olga Nemes und Jie Schöpp zählten, die führende Nation in Europa. Wir standen viermal in Folge im Finale der Mannschafts-EM. 1996 und 1998 haben wir den Titel geholt. Und zu dieser Zeit waren wir auch erfolgreicher als unsere Männer. Das hat für uns damals allerdings keine große Rolle gespielt. Grundsätzlich tue ich mich auch schwer mit solchen Vergleichen. Wo die Situation damals und heute aber vergleichbar ist: Es gibt vier Spielerinnen, die ganz vorne mitspielen können. Und die Chancen auf einen Titel sind bei den Damen derzeit vielleicht etwas größer als bei den Männern, die vor allem mit den Franzosen und Schweden mittlerweile sehr starke Konkurrenten haben, die ihnen momentan leicht voraus sind. Wobei man sagen muss: Spieler wie Dang Qiu, Benedikt Duda, Patrick Franziska oder Dimitrij Ovtcharov können jederzeit Medaillen gewinnen oder gar Europameister werden.
Der jüngste Aufschwung im Spitzensport der Frauen kann sicherlich nur gut sein für das Frauen- und Mädchen-Tischtennis. Gerade wenn man ein Postergirl wie Annett Kaufmann in seiner Sportart hat, die auch jüngere Generationen anspricht. Ich glaube allerdings nicht, dass allein Erfolge im Spitzensport einen Boom im Mädchen-Tischtennis auslösen. Dafür ist letztlich auch viel Arbeit an der Basis notwendig. •
An dieser Stelle beziehen neben Ex-Europameisterin Schall Nationalspieler Ricardo Walther, der ehemalige Weltranglistenerste Jean-Michel Saive und Bundesstützpunktleiter Dirk Wagner im Wechsel Stellung zu Themen aus dem Spitzensport.
Foto: privat
KURZ AUFGESCHLAGEN
Zahl des Monats
Der Titelgewinn des japanischen Herren-Teams bei den Asian Games im September war in mehrfacher Hinsicht historisch: Erstmals seit 60 Jahren gewannen die Japaner diese Disziplin bei dem Multisport-Event – und für die im Endspiel mit 2:3 unterlegenen Chinesen war es das erste Mal seit 32 Jahren, dass sie das Team-Event der Asian Games nicht gewannen.

Dang Qiu hat seinen starken Lauf beim WTT Star Contender Astana (Kasachstan) mit seinem zweiten WTT-Titel gekrönt. Im Endspiel bezwang er den topgesetzten Franzosen Alexis Lebrun mit 4:2 Sätzen, nachdem er im Halbfinale den chinesischen Abwehrer Li Tianyang und im Viertelfinale seinen Düsseldorfer Vereinskollegen Kanak Jha (USA) ausgeschaltet hatte. Dimitrij Ovtcharov war im Viertelfinale knapp am Chinesen Zhou Qihao gescheitert, der eine Runde früher schon Benedikt Duda aus dem Turnier geworfen hatte. Bei den Frauen gewann Miyuu Kihara das rein japanische Endspiel gegen Hitomi Sato mit 4:3. Zuvor hatte Kihara mit Miu Hirano auch schon den Doppel-Titel gewonnen, der bei den Herren überraschend an das rumänische TTBL-Duo Eduard Ionescu/Darius Movileanu gegangen war. Wang Yidi/Chen Junsong gewannen den Mixed-Wettbewerb.


Peter Engel ist tot. Der ehemalige deutsche Nationalspieler verstarb Mitte September im Alter von 72 Jahren. Engel, der Deutsche Einzelmeister von 1984, war nach seiner aktiven Laufbahn als Trainer erfolgreich und fungierte u.a. als Nationaltrainer in Spanien, Indien und Luxemburg sowie als Landestrainer des hessischen Verbands. Letzte Trainerstation des mehrfachen Deutschen Mannschaftsmeisters war die TTG Bingen/Münster-Sarmsheim.

Koharu Itagaki und Jonas Rinderer (Foto) sind für die Olympischen Jugendspiele in Dakar (Senegal) nominiert. Die beiden Talente aus Bayern starten dort im Einzel und Mixed. Die Jugend-Sommerspiele finden vom 31. Oktober bis 13. November statt. +++ Der Einzel-World-Cup findet 2027 (29. März bis 4. April) erstmals im französischen Montpellier statt. Wie die ITTF bekanntgab, wird Macau, das das Prestigeturnier zuletzt dreimal in Folge ausrichtete, dafür Gastgeber des neuen World Cups im Doppel (19. bis 25. April). Chengdu (China) bleibt auch 2027 Ausrichtungsort des Mixed Team World Cups. +++ Nur ein Punkt fehlte Dimitrij Ovtcharov beim WTT Contender Panagyurishte (Bulgarien) zum Titel. Im Endspiel gegen Elias Ranefur ließ Ovtcharov zwei Matchbälle ungenutzt und musste sich 13:15 im Entscheidungssatz geschlagen geben. +++ Bei den Asian Games hat China alle Titel in den Individual-Konkurrenzen gewonnen. Lin Shidong war dreifach siegreich und holte neben Einzel-Gold auch den Titel im Mixed mit Kuai Man und im Doppel mit Huang Youzheng. Die neue Nummer eins der Welt, Wang Manyu, gewann Gold im Damen-Einzel und -Doppel (mit Kuai Man). Im Team-Wettbewerb holten nur Chinas Frauen Gold (siehe auch Zahl des Monats).
Fotos: Erik Thomas, IMAGO/Kyodo News, ETTU, WTT