EM
In allen fünf Wettbewerben der EM hat der DTTB Medaillenambitionen. Doch ob es diesmal wieder für einen Titel reicht, ist ungewiss. Die Konkurrenz ist stark – und Deutschlands größte Hoffnung Sabine Winter reist nicht in Topform nach Slowenien
Bei der bislang letzten Individual-EM war eine Serie gerissen. Von den Titelkämpfen 2024 in Linz war der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) erstmals seit fast 20 Jahren ohne Titel abgereist. Auch vor den Europameisterschaften, die vom 11. bis zum 18. Oktober in Ljubljana (Slowenien) stattfinden, formuliert Richard Prause zurückhaltende Ziele: „Wir wollen um die Medaillen mitspielen“, sagt der Vorstand Sport des DTTB. Einerseits steckt in der Aussage eine Portion Understatement. Denn in allen fünf Wettbewerben schickt der DTTB Spielerinnen, Spieler oder Paarungen ins Rennen, die Gold holen können. Andererseits beschreibt Prause eine neue Realität für die Deutschen im europäischen Tischtennis: Die Zeiten, in denen es ein Abo auf Titel gab, eine Garantie auf Erfolge – sie scheinen vorbei.
Auch innerhalb des deutschen Teams hat sich etwas verschoben: Mittlerweile sind es die Frauen, die mit besseren Medaillenchancen zu Europameisterschaften aufbrechen als die Männer. „Bei den Damen sind wir eher in einer Favoritenrolle“, sagt auch Prause. Das wiederum hängt eng mit dem Aufstieg von Sabine Winter zusammen. Winter fährt als Nummer eins der Setzliste nach Slowenien. Im Frühjahr gewann sie mit dem Europe Top 16 Cup ihren ersten kontinentalen Titel. Auf dem Papier ist sie in der Stozice-Halle die Titelfavoritin.
Allerdings hat Winters rasante Entwicklungskurve zuletzt Dellen bekommen. Beim US Smash im Juni verlor sie in der ersten Runde gegen die junge Chinesin Qin Yuxuan, zuletzt beim Champions in Macau in Runde eins gegen Bernadette Szocs. Für Prause kommen die Resultate nicht überraschend: „Sabine hatte ein unglaubliches Jahr. Dass danach eine Konsolidierungsphase folgt, ist ein Stück weit normal.“ Zumal es mittlerweile „eine gewisse Erwartungshaltung“ an Winter gebe. Hinzu kamen allerdings auch Probleme an der Bandscheibe, die Winter aus dem Tritt brachten. Aber bis zur EM sei noch ein bisschen Zeit, sagt Prause. Darauf verweist auch Winter. Die 34-Jährige beschreibt den EM-Titel als „großen sportlichen Traum“, auch wenn sie sich einige Wochen vor der EM selbst als „noch nicht titelreif“ bezeichnet.
Das Gute aus DTTB-Sicht: Winter ist nur eine von vier Spielerinnen, die in die Medaillenränge vorstoßen oder gar nach Gold greifen können. Ying Han spielte zuletzt auf einem konstant hohen Niveau. Nina Mittelham hat mit ihren jüngsten Erfolgen auf der WTT-Tour, darunter der Sieg beim Feeder in Berlin, wieder Fahrt aufgenommen. Und Annett Kaufmann ist längst in der Lage, jede Europäerin zu schlagen. Dem Quartett, das Prause „unsere Musketiere“ nennt, ist vieles zuzutrauen. Wenn nicht sogar alles.
Im Wissen, vier Topspielerinnen im Feld zu haben, nahmen die DTTB-Verantwortlichen bei der Vergabe des fünften Kaderplatzes die Zukunft in den Blick. Damen-Bundestrainerin Tamara Boros griff deshalb nicht zur bewährten Variante, die in Olympia-Halbfinalistin Yuan Wan bestanden hätte. Die 29-Jährige habe zuletzt nicht mehr die Schritte gemacht, die man sich von ihr erhofft hatte, sagt Prause. Der DTTB-Sportvorstand sagt jedoch auch: „Die Tür ist für Yuan keinesfalls zu. Aber wir wollten anderen Spielerinnen ein Signal geben, dass ihnen der Weg nach oben offensteht.“ Mitte September waren deshalb neben Sophia Klee und Franziska Schreiner noch Josephina Neumann, Rhea Zhu Chen und Lorena Morsch aus dem Mädchen-19-Nationalkader zu einem Ausscheidungsturnier im Jede-gegen-jede-Modus angetreten. Zwei potenzielle Starterinnen fehlten bei dem internen Turnier: Elisa Nguyen musste verletzungsbedingt absagen. Koharu Itagaki hingegen war von vornherein nicht eingeplant. Für die Mädchen-15-Weltmeisterin haben die Youth Olympic Games, die Anfang November in Dakar (Senegal) stattfinden, Priorität. Letztlich sicherte sich Schreiner den Platz im deutschen Kader. Die 24-Jährige wird – nach München 2022 – zum zweiten Mal an einer Individual-EM teilnehmen.


Schnappten sich die letzten Plätze im Kader: Franziska Schreiner und Kay Stumper
Noch komfortabler war die Lage für Jörg Roßkopf. Auch der Herren-Bundestrainer hatte vier gesetzte Spieler für seinen Kader: Dang Qiu, Dimitrij Ovtcharov, Benedikt Duda und Patrick Franziska. Allerdings musste sich Roßkopf diesmal nicht zwischen den beiden Akteuren, die zuletzt um den fünften Platz im Kader rangen, entscheiden. Andre Bertelsmeier und Wim Verdonschot hatten sich ihr EM-Ticket frühzeitig selbst erspielt – mit dem Endspiel-Einzug bei der U21-EM im Juni in Cluj. Die persönlichen Startplätze fielen nicht ins Verbandskontingent, sodass der DTTB sieben Einzelstarter stellt. Roßkopfs Wahl für den letzten freien Platz fiel auf einen, der zuletzt oft außen vor war: Kay Stumper bekam den Vorzug vor Ricardo Walther, Fanbo Meng oder Cedric Meissner. „Wir haben Kay in unseren Überlegungen immer mitgedacht“, so Prause. „Man darf ja nicht vergessen, dass er nicht Ende 20 ist, sondern 23. Da kann noch mal ein Schub kommen.“
Während Stumper seine Chance nutzen und überraschen will, sieht Prause Deutschlands Top-vier-Männer in einer Herausforderer-Rolle. „Truls Moregardh und Felix Lebrun scheinen ein bisschen vorneweg im Moment“, sagt der DTTB-Sportvorstand. Doch zum einen haben die deutschen Männer mehrfach bewiesen, auch Lebrun und Moregardh schlagen zu können. Zum anderen haben die „den Druck, mal was holen zu müssen“, findet Prause. Denn Einzel-Europameister ist weder Felix Lebrun noch Moregardh bislang geworden. Das hat ihnen Deutschlands aussichtsreichster Starter voraus: Dang Qiu holte 2022 in München den Titel und gewann jüngst im Endspiel des Star Contenders in Astana (Kasachstan) das Aufeinandertreffen mit dem amtierenden Europameister Alexis Lebrun.
Eine womöglich entscheidende Rolle könnte aufgrund der hohen Leistungsdichte bei den Männern aber auch spielen, in welcher Verfassung die Topspieler Slowenien erreichen. Noch bis zum 11. Oktober, Eröffnungstag der EM, wird in Peking der China Smash gespielt. Die Terminkollision sorgt bei Prause für Unmut: „Unsere Spieler müssen praktisch direkt aus China zur EM reisen.“ Der einzige Trost sei, „dass da alle durchmüssen“.

Eingespielt: Das Mixed Kaufmann/Franziska
Auch die Belastung vor Ort könnte eine Rolle spielen, was der DTTB in die Nominierungen für die drei Doppel-Konkurrenzen, in denen jeweils zwei Paare pro Nation starten dürfen, einfließen ließ. Sabine Winter, zuletzt an der Seite Dang Qius erfolgreich, wird im gemischten Doppel geschont. Stattdessen starten mit Patrick Franziska/Annett Kaufmann ein eingespieltes Duo und eine eher frische Paarung: Mittelham an der Seite von Duda. Ähnlich im Damen-Doppel, wo mit Mittelham/Kaufmann ein bewährtes Paar antritt, und mit Winter/Han eines ohne Wettkampfpraxis. „Wir wollen neue Kombinationen im Wettkampf testen, auch weiterhin mit Blick Richtung Olympische Spiele 2028“, sagt Prause. Gleichzeitig aber wolle man Paarungen ins Rennen schicken, die Medaillen gewinnen können. Gefestigt scheinen die Kombinationen bei den Männern: Ovtcharov/Franziska, die WM-Dritten von 2023, sowie das aktuell wohl beste deutsche Doppel, Duda/Qiu, das in der Weltrangliste auf Position sechs geführt wird. Doch auch im Herren-Doppel, wo die Lebrun-Brüder gemeinsam antreten, gilt, was für die gesamte EM in Ljubljana zu gelten scheint: Die Chancen für die deutschen Starter stehen gut. Garantien aber gibt es keine. •
Jan Lüke
Fotos: ITTF, ETTU, WTT (2)