TTBL
An Weihnachten 2025 fasste Csaba Andras einen Entschluss, den er auch sogleich seinem Vater verkündete: Im kommenden Jahr werde er keine negativen Gedanken oder Worte mehr äußern, versprach er. Und ergänzte: „Mal sehen, was dann passiert.“
Der eigene Kopf stand Andras in den vergangenen Jahren im Weg, wenn es darum ging, den nächsten Schritt in seiner Karriere zu machen. Spielerisch, technisch und athletisch bringt er alles mit, um zu Europas Besten zu gehören. Das zeigte sich schon zu Jugendzeiten, als er etliche Medaillen auf internationaler Ebene gewann. An der Zielstrebigkeit lag es auch nicht, der 24-Jährige war und ist oft der Letzte, der die Trainingshalle verlässt. „Ich wollte immer am meisten“, sagt er. Aber nicht selten machten ihm die eigenen Gedanken einen Strich durch die Rechnung. Er war oft negativ am Tisch, lamentierte viel. „Das war mein größtes Problem.“ Schon 2023 nahm sich Andras eine Mentaltrainerin und arbeitete das Thema mit ihr auf. „Es war hart. Sie hat mich auch in sehr schwierigen Phasen erlebt.“
Drei Monate nach der Ankündigung gegenüber seinem Vater reiste Csaba Andras nach Varazdin (Kroatien) zu einem WTT-Feeder-Turnier. Mantraartig habe er zu sich selbst gesagt: „Csaba, du wirst keine negativen Gedanken und Worte äußern.“ Der Ungar gewann das Turnier, war dreimal im Entscheidungssatz erfolgreich, auch im Endspiel gegen den Japaner Kazuki Hamada. Vier Wochen später holte er auch den Titel beim Feeder im türkischen Kappadokien, schlug Tom Jarvis, Mattias Karlsson und im Finale seinen Bad Homburger Teamkollegen Ivor Ban. „Das war der Punkt, an dem ich entschieden habe, im mentalen Bereich erwachsener zu werden und mich wie ein professioneller Spieler zu verhalten“, sagt Andras rückblickend.

Selbstbewusst: Csaba Andras im TTC-Trikot
Die Entscheidung, am Tisch positiver aufzutreten, habe auch dazu geführt, dass sich sein Spiel verbesserte. „Die Dinge, die ich im Training am meisten trainiert habe, haben plötzlich auch im Wettkampf funktioniert.“ An den jüngsten Ergebnissen lässt sich das ablesen. Der 24-Jährige besiegte beim Europe Smash in Malmö Dang Qiu glatt in drei Sätzen, in der TTBL gewann er gegen Dimitrij Ovtcharov 3:1. Aktuell steht der Ungar in der Liga bei sieben Siegen und zwei Niederlagen. Er ist die Lebensversicherung seines Klubs, dem TTC OE Bad Homburg. Andras hat bis dato alle Einzelpunkte der Hessen alleine geholt, seine Teamkollegen gingen bisher leer aus. Dank zweier Doppelsiege stehen die Hessen dennoch ordentlich da. Das sieht auch der neue Cheftrainer Slobodan Grujic so. „Csaba hat sich kontinuierlich entwickelt. Für uns ist das natürlich ein Gewinn. Auch gegen Calderano hat er schon 2:0 sowie 2:1 und 7:3 geführt“, sagt Grujic. Sonderlich überrascht sei er nicht von der Entwicklung. Die neue Nummer eins habe viele Waffen: Er sei sehr komplett, beidseitig, mit starker Rückhand und gutem Aufschlagspiel. „Er gibt immer 100 Prozent und sein Kopf hat sich wirklich verbessert. Er hat Selbstvertrauen und mehr Verantwortung als Nummer eins. Das setzt er aber bisher gut um", sagt Grujic.
In Bad Homburg geht er schon in seine fünfte Spielzeit. Zwei Saisons spielte Andras in der 2. Liga, jetzt das dritte Jahr in der TTBL. „Ich bin ein loyaler Typ, ich wechsele nicht gerne den Verein. Ich habe immer Glück gehabt. Auch in Passau war der Verein wie eine Familie für mich." Bereits als 17-Jähriger war Csaba Andras nach Deutschland gekommen, spielte in Fuldas zweiter Mannschaft in der 3. Liga. Er pendelt seither zwischen seiner Heimat Budapest und Deutschland. „In Ungarn kann ich gut an bestimmten Techniken und Korrekturen arbeiten, in Deutschland habe ich aber eine ganz andere Geschwindigkeit und Qualität im Training", sagt er.

Neues Erfolgsgespann: Andras und Trainer Slobodan Grujic
Grujic attestiert dem Ungarn, einen klaren Plan zu haben, wo er hinmöchte. Dazu gehört, dass er auf den China Smash verzichtet, um sich auf die EM in Slowenien vorzubereiten. „Die EM ist für mein Land sehr wichtig. Ich habe das Gefühl, dass ich gegen sehr gute Spieler eine Chance habe. Daher möchte ich frisch im Kopf sein", sagt der Zweite der U21-EM von 2023. Sein Ziel ist, bei großen Turnieren Medaillen zu gewinnen. „Ich möchte für mein Land Geschichte schreiben." Und unbedingt will er Ungarn bei den Olympischen Spielen vertreten. Als er als Zehnjähriger im Fernsehen die Spiele von London verfolgte, habe Csaba Andras zu seinem Papa gesagt: „Da möchte ich auch hin." 16 Jahre später könnte dieser Traum in Erfüllung gehen. •
Florian Leidheiser
Fotos: IMAGO/Kessler-Sportfotografie