SPORTENTWICKLUNG

Über Düsseldorf nach Paris

Der Weg von Sebastian Ungermanns vom Bundesfreiwilligendienst bei Borussia Düsseldorf zum ZDF war geprägt von Zufällen, mutigen ersten Schritten und einer großen Leidenschaft für den Sport. Heute kommentiert er internationale Großereignisse

Manchmal beginnt eine erfolgreiche berufliche Laufbahn mit einer Begegnung zur richtigen Zeit. Bei Sebastian Ungermanns war es ein Treffen mit einem alten Freund aus seiner Tischtenniszeit. Ungermanns spielte schon seit vielen Jahren beim SSV Bornheim Tischtennis. Sein Vereinskamerad Thilo Bruhn absolvierte damals gerade selbst ein Freiwilliges Jahr bei Borussia Düsseldorf – und schwärmte davon.

Ungermanns war damals 17 Jahre alt und hatte sein Abitur in der Tasche. Für ein Studium fühlte er sich noch nicht bereit. Also suchte er nach einer Möglichkeit, etwas Neues kennenzulernen und gleichzeitig Zeit zu gewinnen, bevor es an die Universität geht. Der Bundesfreiwilligendienst (BFD) schien genau das Richtige zu sein. Und so führte ihn der Weg im September 2018 nach Düsseldorf. „So bin ich nicht nur auf den BFD, sondern auch auf Borussia Düsseldorf gekommen“, erinnert sich Ungermanns.

Sein Jahr bei Borussia Düsseldorf wurde zu einer wichtigen Station. Nicht nur, weil Ungermanns dort erste Erfahrungen im Arbeitsleben sammelte. Vor allem lernte er zahlreiche Menschen kennen, die ihn prägten. Einer davon war der damalige Projektleiter Lukas Ziemann, für den Ungermanns arbeitete und von dem er viel lernte. „Man lernt als junger Mensch sehr viel darüber, wie das Arbeitsleben funktioniert“, sagt er rückblickend über seine Zeit als „Bufdi“.

Sebastian Ungermanns

Traum erfüllt: Ungermanns wollte schon immer Sportreporter werden

AN DER SEITE SEINER KINDHEITSIDOLE

Gleichzeitig war Borussia Düsseldorf für den jungen Tischtennisspieler ein besonderer Ort. Die Profis, die er bislang vor allem aus dem Fernsehen oder von den großen Turnieren kannte, waren plötzlich Kollegen und Teil seines Arbeitsalltags. Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov, Patrick Franziska und viele weitere Spieler waren nicht einfach nur Weltklassespieler, sondern für Ungermanns Kindheitsidole. Dass ausgerechnet in Düsseldorf auch der Grundstein für seine spätere Karriere als Kommentator gelegt werden sollte, war zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht abzusehen. Ungermanns hatte schon als Kind davon geträumt, Sportreporter oder Kommentator zu werden. Während seines BFDs erzählte er davon einigen Kollegen. Die ermutigten den damals noch zurückhaltenden Ungermanns, seinen Wunsch nicht nur zu äußern, sondern etwas dafür zu tun. Dann ergab sich eine Chance.

„Man lernt als junger Mensch sehr viel darüber, wie das Arbeitsleben funktioniert.“

Sebastian Ungermanns über den Bundesfreiwilligendienst

DER ERSTE SCHRITT ANS MIKROFON

Ab der Saison 2019/20 mussten bei Borussia Düsseldorf erstmals sämtliche Spiele kommentiert werden. Bis dahin hatte der Verein nur einen Kommentator. Für Ungermanns öffnete sich eine Tür. Zunächst durfte er zur Probe kommentieren. Anschließend bekam er positives Feedback – und durfte weitermachen. Noch während seines Bundesfreiwilligendienstes folgte der erste Einsatz.

An das allererste kommentierte Einzel erinnert sich Ungermanns heute nicht mehr genau. Anton Källberg gegen Daniel Habesohn könnte es gewesen sein, möglicherweise aber auch ein anderes Spiel, sagt er. Was geblieben ist, ist vor allem das Gefühl: Es war aufregend, ungewohnt – und machte enorm viel Spaß. Nach dem BFD ging Ungermanns zunächst seinen Weg weiter. Er begann ein BWL-Studium in Köln, blieb dem Tischtennis und dem Kommentieren aber treu. Die Bundesligaspiele von Borussia Düsseldorf gehörten ebenso dazu wie weitere Veranstaltungen. Dann kam die Corona-Pandemie – und mit ihr neue Möglichkeiten.

Die Olympia-Arena in Paris

Große Bühne: In Paris durfte Ungermanns das Olympia-Halbfinale kommentieren

UNVERHOFFTE CHANCE IN DER CHAMPIONS LEAGUE

2020 wurden die Düsseldorf Masters ausgetragen, ein Turnierformat unter Wettkampfbedingungen, das auch live gestreamt wurde. Ungermanns war als Kommentator dabei. Ende desselben Jahres folgte eine weitere wichtige Station: die Champions League in Düsseldorf. Das Turnier wurde während der Pandemie in einer sogenannten Bubble ausgetragen. Mannschaften aus ganz Europa kamen zusammen, gleichzeitig galten strenge Regeln. Im Champions-League-Finale traf Borussia Düsseldorf auf den 1. FC Saarbrücken-TT.

Ursprünglich war für die Übertragung kein deutscher Kommentator vorgesehen. Dann änderte sich die Planung kurzfristig. Ungermanns sprang spontan ein – und kam so erstmals mit Sportdeutschland.TV in Kontakt. Aus dem einzelnen Einsatz entwickelte sich eine längerfristige Zusammenarbeit. Es folgten Champions-League-Spiele, Europameisterschaften und zahlreiche WTT-Turniere. Gleichzeitig sammelte Ungermanns Erfahrungen außerhalb des Tischtennissports. Drei Jahre kommentierte er E-Sport, außerdem zwei Jahre die US Open für Sportdeutschland.TV. Parallel dazu arbeitete er zunächst als Werkstudent und später als freier Mitarbeiter für die Sportschau. Der Weg führte ihn immer weiter Richtung professioneller Sportjournalismus. 2023 bot sich schließlich eine weitere große Gelegenheit. Auch dank ZDF-Sportreporter Norbert König konnte Ungermanns eine Hospitanz beim ZDF während der Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft absolvieren. Drei Tage lang erhielt er Einblicke in die Arbeit der Redaktionen und Reporter.

Und Ungermanns überzeugte. Das ZDF gab ihm anschließend die Möglichkeit, sich zu beweisen. Fünf Tage lang durfte er Erfahrungen mit eigenen Beiträgen für die Nachrichten sammeln. Der Moment, als sein erster Beitrag ausgestrahlt wurde, ist ihm bis heute präsent. „Ich war mega nervös und stolz wie ein kleines Kind“, erzählt Ungermanns.

OLYMPIA ALS VORLÄUFIGER HÖHEPUNKT

Der wohl außergewöhnlichste Einsatz seiner bisherigen beruflichen Laufbahn folgte ein Jahr später: die Olympischen Spiele in Paris. Ungermanns kommentierte dort Rugby – und durfte darüber hinaus auch tun, was seinen beruflichen Werdegang überhaupt erst ins Rollen gebracht hatte: Tischtennis kommentieren. Im Halbfinale des Männer-Einzels saß er am Mikrofon, als Felix Lebrun und Fan Zhendong um den Einzug ins olympische Finale kämpften.

Der 17 Jahre alte Tischtennisspieler aus Bornheim, der nach dem Abitur überlegte, was er mit seiner Zeit anfangen soll, war er auf einer der größten Bühnen der Sportwelt angekommen. Der Bundesfreiwilligendienst bei Borussia Düsseldorf war dabei mehr als ein Jahr zwischen Abitur und Studium. Er wurde zum Ausgangspunkt einer Laufbahn, die Ungermanns als Jugendlicher wohl kaum hätte vorhersehen können. Seinen Kindheitstraum, Sportreporter und Kommentator zu werden, hat er inzwischen verwirklicht.

Heute arbeitet der inzwischen 26-jährige Ungermanns in Festanstellung für das ZDF. Manchmal braucht es eben vor allem eine Chance zur richtigen Zeit.  •

Daniel Hofmann

Ungermanns mit Kollegen bei Borussia Düsseldorf
Ungermanns beim Training mit Kindern

Vielfältige Aufgaben: Ungermanns in seiner Zeit bei Borussia Düsseldorf

Fotos: privat (2), Borussia Düsseldorf, Bettina Ungermanns